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Nora Bendzko: Bärenbrut (Galgenmärchen #3)

Veröffentlicht am

Coverabbildung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Titel: Bärenbrut
Autorin: Nora Bendzko
Verlag: Selbstverlag
Genre: Märchenadaption / Kurzgeschichte
Altersempfehlung: 16+
Seiten: ca. 60 (NA)
Format: eBook only
Coverdesign by: Emanuel Santer
ASIN: B0742L5CKM
Das Buch auf Amazon

„Bärenbrut“ ist das Prequel zum DPP-nominierten, allerersten von Nora Bendzko verfassten Galgenmärchen „Wolfssucht“ und aufgrund der Länge als längere Kurzgeschichte einzustufen. Und nachdem die bisherigen Adaptionen sich mit sehr bekannten Märchen beschäftigten (Rotkäppchen und Rumpelstilzchen), ist „Bärenbrut“ die Adaption des Märchens „Bärenhäuter“ und das kannte ich vorher überhaupt nicht.
Entsprechend unbedarft und ohne Vorwissen bin ich an die Lektüre herangetreten und habe mir erst nachträglich das Originalmärchen zu Gemüte geführt. Ob das die richtige Vorgehensweise ist oder es besser umgekehrt wäre… wer weiß 😀 .

Cover:

Die Cover der Galgenmärchen sind irgendwie immer wieder überirdisch schön, so auch dieses hier. Obwohl vollkommen andere Farben und Motive als in „Wolfssucht“ verwendet wurden, sieht man, dass sie zusammengehören. Irgendwie.
Statt rötlicher Locken gibt es hier eine Art Schleier oder Spinngewebe am unteren Rand und das sieht einfach nur toll aus. Dazu der riesenhafte Bär als verschwommene Silhouette inmitten eines unwirklich anmutenden Waldes und die Menschengestalt.
Und wenn man es gelesen hat, passt das so, so gut auf die Geschichte, dass es fast schon unheimlich ist. Und dazu … habe ich schon erwähnt, wie ästhetisch ich das Cover finde? Jedes Cover von Emanuel Santer ist schöner als das vorherige.

Inhalt:

Es ist… interessant. Im Gegensatz zu den anderen Märchen aus der Reihe kommen hier explizit christliche Motive durch – wie im Original spielt auch hier eine gewisse Gestalt eine Rolle, die in der christlichen Folklore eine große, antagonistische Rolle spielt.
Dadurch rückt das Thema Christentum und Kirche ganz subtil in den Vordergrund. Einerseits gibt es diesen sehr ambivalenten Widersacher, auf der anderen Seite gibt es jedoch auch einen Pater in dieser Geschichte, der ziemlich viel Dreck am Stecken hat und alles andere als eine positive Identifikationsfigur ist. Ähnlich wie es schon in „Wolfssucht“ sehr ambivalent war, durch die Vermischung zwischen christlichen und heidnischen Riten und durch das ambivalente Verhalten der Menschen.

Für eine inhaltliche Zusammenfassung zitiere ich auch hier wieder den Klappentext, ich kriege es nie auch nur annähernd so gut hin wie Nora:

Nie wird Thorben den Anblick seines toten Vaters vergessen: zerfleischt von einem Bären. —

Nachdem er den Schrecken des Krieges nur knapp entronnen ist, baut er sich als Jäger ein neues Leben auf. Er heiratet, bekommt einen Sohn. Doch die Menschen in seinem Dorf sind ihm gegenüber misstrauisch. Ein Fluch soll auf seiner Familie lasten. Als seine lang verschollene Mutter wieder auftaucht und ihr der Tod ihres Mannes beigebracht werden muss, brodeln die Gerüchte von damals wieder. Thorbens Vater sei nicht von einem Bären getötet worden, heißt es. Ein Mensch in Bärenhaut habe die Bluttat begangen … ein Gestaltwandler. Was ihn auch getötet hat, es lauert noch immer im Dorf – und Thorben muss sich ihm stellen. Wenn nicht für seinen Vater, dann um sich und seine Liebsten zu schützen.

Generell kann ich diese Geschichte nur schwer losgelöst von den anderen lesen – ja, sie funktioniert auch vollkommen eigenständig. Das will ich damit nicht sagen. Man kann sie wunderbar lesen, ohne die anderen Galgenmärchen zu kennen. Aber kennt man sie, drängen sich all die intertextuellen Gedanken zwangsläufig auf. Wir haben hier nämlich eine Welt, von der ich postulieren kann:
– Dreißigjähriger Krieg
– Es gibt in dieser Welt reale Geister (die Alene aus „Kindsräuber“ sehen kann)
– Es gibt in dieser Welt Sam Morgenstern 😉
Und damit wird mit jeder Geschichte das Gesamtpaket reicher – weil sie Aspekte der jeweils anderen Geschichten in ein neues Licht setzt.
In sich ist die Geschichte wunderbar logisch – selbst einige Stellen, die ich als etwas merkwürdig empfand (und wo ich konkret an der Stelle einzelne Handlungen einer Figur nicht nachvollziehen konnte), haben sich im Nachhinein als schlüssig aufgelöst.
Nora Bendzko spielt gekonnt mit bekannten Motiven und gängigen Mythen und baut daraus auch hier wieder eine Geschichte von geradezu schmerzlicher Konsequenz.

Sprache:

Hier kommt etwas, für das Nora kein bisschen was kann und woran viel mehr mein alberner Freund schuld ist, aber … die erste Szene ist so unglaublich dramatisch, unglaublich tragisch und dann sagt Thorben „Herr Vater“. Und ich musste lachen. Weil für mich diese Anrede ausschließlich in ironischer Form funktioniert. Auch wenn sie in diesem historischen Setting völlig legitim ist.
Ich gebe dafür keine Abzüge, weil die Autorin wie gesagt nichts dafür kann, dass bei mir diese Formulierung automatisch einen kleinen Lachanfall ausgelöst hat, aber dadurch musste ich das Buch erst einmal weglegen und mich ein wenig sammeln 😀 .
Generell mag ich sehr, wie hier mit Sprache gespielt wird. Das fängt bei den Namen an – ich würde euch empfehlen, NACH der Lektüre des Buches die Namen Thorben und Elfriede mal bei Google einzugeben und „Namensbedeutung“ dazuzuschreiben, dann wisst ihr, was ich meine. Aber bitte nicht vorher.
Und auch hier findet sich die Konstruktion, die ich überall sonst als Fehler monieren würde und die nur bei historischen Stoffen wie den „Galgenmärchen“ – oder gerade da – wunderbar passen. „Wie wenn“ und „als wenn“ illustrieren wunderbar, wie die Menschen in früheren Zeiten gesprochen und gedacht haben.
Fand ich alles sehr stimmig.

Fazit:

Ich gebe zu, ich war anfangs ziemlich skeptisch. Eine „Kurzgeschichte“ mit sechzig Seiten ist ja durchaus ordentlich und vom Ausgangsmärchen habe ich noch nie etwas gehört. Und dann der Lachflash, als ich direkt am Anfang „Herr Vater“ gelesen habe und die ganze Dramastimmung für mich erstmal ruiniert war.
Aber dann las ich weiter und staunte mal wieder über das tolle Konstrukt, das Nora Bendzko auf die Beine gestellt hat. Eine wunderbar symboldichte Geschichte, die trotz der geringen Länge wunderbar funktioniert und einen Sog entwickelt, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Das Dorfleben ist gut und spannend geschildert und ich habe immer wieder genickt, wenn etwas besonders authentisch beschrieben war.
Insgesamt eine tolle Märchenadaption, die sich gut in die bestehende Welt einfügt und mich neugierig darauf macht, wie es mit den Galgenmärchen weitergeht.

Disclaimer: Ich bedanke mich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar!

J. H. Praßl – Telos Malakin. Prüfung (Chroniken von Chaos und Ordnung #2)

Veröffentlicht am
Telos Malakin

Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Autoren!

Titel:  Telos Malakin. Prüfung
Autoren: J. H. Praßl
Verlag: ACABUS Verlag
Genre: High Fantasy
Seiten: 580
Format: ePUB
EAN: 9783862823185
Das Buch auf der Verlagshomepage – wobei das der Link zur Printausgabe ist.

Zu Band zwei gab es leider keine Leserunde, aber ich glaube, wenn ich wirklich Redebedarf gehabt hätte, hätte ich den Autoren jederzeit schreiben können. Aber auch so hat es durchaus Spaß gemacht, Band 2 ganz alleine zu entdecken.
Man spürte sehr gut die Spannungen in der Gruppe. Es ist sehr realistische Fantasy. Nur weil die Gruppe wieder auf eine gemeinsame Reise geschickt wird, muss sie einander nicht zwingend automatisch wieder zu 100% vertrauen. Die Spannungen tragen durch die ganze erste Hälfte des Buches und ebben im Prinzip nie wirklich ab, gleichzeitig passiert so unglaublich viel und … während Band I nur in zwei Kulturen spielt, bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich mit vier Kulturen alle mitgezählt habe, die in Band II wichtig wurden.
Amalea ist also in diesem Buch viel größer geworden!
Aber nun zur Einzelanalyse.

Cover:

Der Teufel steckt im Detail. Ich habe schon letztens angedeutet, dass ich das Schema hinter der Covergestaltung erkennen kann und wirklich neugierig bin, wie genau die Cover gegen Ende der Serie aussehen werden.
Im Vergleich zm leuchtendweißen Cover von Band 1 ist das hier bereits deutlich sichtbar angegraut – aber aus der Mitte des Sternsymbols leuchtet ein Licht. Telos sieht sich anders als Thorn nicht als absolute Lichtgestalt, er hat gelernt zu sehen, dass die Welt mehr ist als nur Schwarz und Weiß, Chaos und Ordnung, dass es die Grautöne dazwischen durchaus braucht.
Aber das Ideal seines Gottes Agramon leuchtet für ihn wie ein heller Stern inmitten der Dunkelheit.
Das Cover passt also perfekt zu Telos als Charakter.
Was mir hier außerdem auffällt, ist die plastischere Gestaltung der Schattierungen am Stern selbst und an der Typografie. Da wurde bereits viel mehr mit Schattierungen gespielt als bei Thorns Band, der duch sehr klar schwarz/weiß war.
Ich finde es faszinierend, wie viel man mit so minimalistischen Mitteln ausdrücken kann!

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Inhalt:

Auch dieses Mal gab es viel zu entdecken und ich fand es faszinierend, was man alles in EINER Fantasywelt unterbringen kann.
Von der Piratenfestung aus reisen wir erst in einen Südseedschungel voller Mysterien und rätselhafter Magie. Dann geht es in ein völlig anderes Gebiet – das nach dem Vorbild der schottischen Clans gestaltet wurde. Und wenn ich als eingefleischte Kennerin eines bestimmten Genres die Zeichen richtig gedeutet habe, hat einer der Clans auch noch Fabelwesen aus einer GANZ anderen Ecke in seinen Reihen …
Mir gefällt hier der Mut, Elemente zu verquicken, die auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören können. Waren wir nicht eben erst noch in der Antike und im Morgenland? Aber wieso sollte etwas, nur weil es in der Geschichte unserer Welt nicht zugleich existierte, nicht trotzdem in einer Fantasywelt wunderbar harmonieren? Das war eine der Hauptfragen, die sich mir gestellt hat. Ja genau – wieso nicht?
Zur Handlung will ich hier nichts verraten, weil ich hier nichts sagen kann, ohne grenzenlos zu spoilern. Was ich vielleicht sagen kann: Wir erleben, wie etwas absolut Unglaubliches mit einer neuen Gefährtin geschieht, dass Chara gar nicht so hartherzig ist, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint und wie Telos in einer Schlacht eine unglaubliche Entdeckung macht.
Was mich erstaunt, ist übrigens, wie akkurat ich eine gewisse Entwicklung vorhergesehen habe, obwohl ich mir nach wie vor sicher bin, dass sie so auch in Band 1 nicht direkt angekündigt wird und ich sie nur vorhersehen KONNTE, weil ich eine sehr misstrauische und paranoide Leserin bin, die einfach von Anfang an sicher war, dass da was im Busch sein muss. Als ich dann feststellte, dass im Busch so ziemlich genau das ist, was ich vermutet habe, war ich doppelt erstaunt.
Ich frage mich aber, ob außer mir überhaupt jemand genau diesen Punkt hätte voraussehen können.
Andere Dinge haben mich eiskalt erwischt und ich saß da, mit weit offenem Mund, und starrte erstmal fassungslos das Smartphone an, las noch mal, rief ein skeptisches „WAS?!“ in die Landschaft, las es ein drittes Mal und glaubte erst dann, was ich eigentlich da gelesen habe …
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Sprache:

Ich hatte das Problem, dass bei mir einige Wörter, die definitiv auseinandergehören, aneinandergeklatscht angezeigt wurden.
Inzwischen weiß ich aber, dass das nicht am eBook lag, sondern an meiner App (sodass ich jetzt mit einer anderen App ePUB-Datein lese). Dafür kann ja der Verlag nichts.
Ansonsten konnte ich bei diesem Band nicht so schön mit der Sprache spielen, wie in Band 1, einfach da hier keine Sprachen verfremdet wurden, die ich konnte. Was ich dagegen mochte, war das Conlang der Inselbewohner an sich (ich habe ein Herz für Conlang). Die Entscheidung, Gespräche nicht im Text zu übersetzen, sondern erst im Anhang, hat es für mich spannender gemacht. Ich wusste immer ungefähr so viel oder so wenig, wie die Figuren auch.
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Fazit:

Band 2 ist immer … schwierig. Nach einem gelungenen ersten Band hat man als Leser natürlich Erwartungen und ich hatte zusätzlich eine Menge Theorien und Vermutungen im Gepäck, als ich angefangen habe zu lesen. Und natürlich ist Band 2 bei einer auf acht Bände angelegten Reihe anders als bei einer Trilogie. Bei einer so großen Reihe ist ein zweiter Band normalerweise ein „Wir kennen jetzt alle Protagonisten und das große Bild, also kann es nun direkt weitergehen“.
Hier nicht. Hier wird immer wieder wie mit einem Weberschiffchen vor- und zurückgegangen. Weg von Thorn, auf dem in Band 1 das Hauptaugenmerk lag. Breiter, größer angelegt. Mehr in Telos und Chara hinein.
Gleichzeitig passiert sehr viel, es passiert rasant und es ist spannend und detailreich geschrieben.
Es ist Fantasy, auf die man sich einlassen muss, weil sie so anders ist als das, was man mit dem üblichen Lesehintergrund an Fantasy so kennt. Vielleicht ist es das, was ich an dieser Reihe so mag.
Band 2 konnte meine Erwartungen an die Welt und an die Charaktere auf eine Weise erfüllen, wie ich sie nicht hätte vorausahnen können.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Disclaimer: Danke an den ACABUS Verlag und an das Autorenpaar für mein Rezensionsexemplar und die vergnüglichen Stunden in Amalea! Ich glaube, ich baue mir in dieser Romanwelt irgendwo ein Haus. Aber nicht gerade da, wo es rundläuft. An einem friedlichen Fleckchen. Wie wäre es mit Valland?

J. H. Praßl – Thorn Gandir – Aufbruch (Die Chroniken von Chaos und Ordnung #1)

Veröffentlicht am
Chroniken von Chaos und Ordnung 1 Cover

Abbildung mit fruendlicher Genehmigung der Autoren. Vielen Dank dafür! Alle Rechte bleiben bei den jeweiligen Rechteinhabern.

Titel: Thorn Gandir – Aufbruch
Autoren: Das Autorenduo J. H. Praßl
Verlag: Acabus Verlag
Genre: High Fantasy
Seiten: 548
Format: Englische Broschur / Klappbroschur
ISBN:9783862822102
Das Buch auf der Verlagshomepage – mit einem Buchtrailer, der Leseprobe und Rezensionen.

Ich habe das Buch sozusagen zwei Mal gelesen. Einmal, als ich es als Rezensionsexemplar erhalten habe – allerdings in einer (was ich noch nicht wissen konnte) für mich sehr turbulenten Zeit, in der ich nicht annähernd so viel zum Lesen gekommen bin, wie ich es mir gewünscht habe. Dann habe ich es überraschenderweise im Urlaub beendet und mir damals schon eine Kurzrezension formuliert. Handschriftlich. Was ich sonst nie tue, aber da ich in den zwei Urlaubswochen noch vier oder fünf weitere Bücher gelesen habe, hielt ich es für eine gute Idee, die Gedanken zu diesem hier festzuhalten, solange sie frisch sind.

Ein wenig merkt man es dem Buch schon an, dass es auf einem P&P-Spiel basiert – so gibt es Schlachten, eine Heldentruppe und Stellen, bei denen ich mir gedacht habe „Ah, da hat man gewürfelt, hier hätte es auch ganz anders ausgehen können“ und das gibt dem Buch einen gewissen Reiz. Ja, es hat Elemente eines klassischen Questromans. Aber es lässt sich unglaublich viel Zeit, zu charakterisieren, die Welt zu zeigen und die Figuren interagieren zu lassen.
Vielleicht achte ich aber auch so stark darauf, weil ich selbst einige Runden gespielt habe und bei mir alle rollenspielig wirkenden Elemente die Erinnerung an eigene, spaßige Runden wachgerufen haben, wer weiß?
Es gibt viele bunte Schauplätze und auch zwischen den Zeilen einiges zu entdecken. Insofern gut, dass ich es zwei Mal gelesen habe.
Durch die hohe Dichte liest es sich besonders zu Beginn noch etwas langsam, weil Konzentration gefordert ist. Jede Kleinigkeit könnte einen doppelten Boden haben oder ein Hinweis für später sein. Gleichzeitig gibt es immer wieder überraschende und spannende Wendungen, an denen es teilweise ziemlich knapp wird … und vor allem muss man regelmäßig alles, was man über die Charaktere zu wissen glaubt, hinterfragen.
Mir hat der Reihenauftakt auf jeden Fall gut gefallen, die Reihe an sich ist für Fans anspruchsvoller High-Fantasy mit viel Zeit und für Menschen, die Bücher gerne mehrmals lesen und dabei neue Dinge entdecken.

Für die Leserunde auf leserunden.de (ein für mich neues Portal, das ich noch in meinen Blogpost zum Thema Leserunden reineditieren möchte) habe ich jeden einzelnen Leseabschnitt noch mal separat gelesen und anschließend alle eintrudelnden Gedanken und Ideen in die Leserundenthreads geschrieben, aber auch ein wenig in der Sprache gekramt und Weiterführendes angemerkt, das mir so überhaupt erst aufgefallen ist. Damit war für mich „Thorn Gandir“ eine sehr intensive Lektüre, das hatte ich bei Leserunden schon länger nicht mehr in DIESEM Maße und fand ich toll :).

Cover:

Ich weiß noch, wie es war, als ich das Buch ausgepackt habe und mir ein fast blütenweißes Cover entgegenleuchtete, mit diesem Stern in der Mitte.
Da ich inzwischen auch die zwei anderen Cover der Reihe kenne und ahne, in welche Richtung das Ganze geht… Ja, sehr passend – ein leuchtend weißes Cover für das Buch von Thorn, der sich als absolute Lichtgestalt begreift. Und danach wird es immer dunkler.
Gefällt mir persönlich sehr gut und sticht auch im Bücherregal stark in der Masse hervor! Außerdem ist das Buch dafür, dass ich es zwei Mal gelesen habe und es teilweise aufgeschlagen auf meinen Knien oder dem Tisch liegen ließ, um schnell etwas zu notieren, sehr gut in Schuss. Andere Bücher haben nach einmaligem Lesen mit Samthandschuhen mehr Gebrauchsspuren, als dieses hier. Eine gute Verarbeitung!

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Inhalt:

Thorn Gandir verliert nicht nur eine Schlacht – er verliert auch einen Mann, den er für einen Freund gehalten hatte und die Frau, die er liebt. Von diesem Verlust und dem Gefühl des Verrats überwältigt, will er eigentlich nur noch seine Ruhe und sich nicht mehr mit den politischen Intrigen des valianischen Imperiums abgeben müssen.
Doch sowohl seine Rivalin Rosmerta als auch sein Gönner und Förderer Testaceus haben andere Pläne mit ihm – nachdem ein mächtiges magisches Artefakt entführt wurde, muss er es zusammen mit drei Gefährten aus den Fängen des Chaos wieder zurückbringen. Doch Telos Malakin, Bargh Barrowson und Chara haben alle ihre eigenen Pläne, Ziele und Absichten.
Kann die durchwachsene Gruppe es schaffen, einig genug zu sein, um am selben Strang zu ziehen? Und wer ist eigentlich wirklich der Feind in dieser Geschichte?
Amalea ist eine sehr bunte Welt – ich habe mir die Mühe gemacht und so oft wie möglich versucht, die Einflüsse auf die Welt nachzuvollziehen, die Vorbilder der fiktiven Sprachen zu rekonstruieren und andere Dinge herauszufinden, zu interpretieren, nachzuschlagen. Und ich bin mir immer noch sicher, dennoch etwas übersehen zu haben. Das Buch ist unglaublich dicht – es gibt eigentlich an so gut wie jeder Ecke etwas zu entdecken und zu deuten, keine einzige Seite vergeht, ohne dass irgendeine relevante Information im Text versteckt wäre.
Das fordert natürlich auch ziemlich heraus und zwingt zu konzentriertem Lesen, da sonst wichtige Hinweise und faszinierende Kleinigkeiten entgehen – und das wäre schade. Zwei Mal lesen hat sich hier also definitiv gelohnt!
Um die Logik der Gesamtwelt zu beurteilen, habe ich noch zu wenig von Amalea gesehen, bin aber gespannt auf das, was noch kommt. Die Geschichte selbst ist auf alle Fälle spannend und mehrschichtig erzählt.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Sprache:

Die paar Fehlerchen, die ich gemerkt habe, habe ich bei der Leserunde angemerkt. Aber da es auf mehreren hunderten von Seiten insgesamt so 3 waren … fallen die nicht ins Gewicht. Kann passieren.
Die Sprache fand ich in zweierlei Hinsicht faszinierend. Zum Einen die Sprache des Buches an sich. Geschrieben in einer tendentiell eher auktorielleren Art, mit vielen Fokuswechseln zwischen den Figuren, aber auch an den relevanten Stellen nah genug an der Figur, an die gerade „herangezoomt“ wird, hatte ich viel Spaß und … natürlich kann man so sehr bewusst lenken, welche Figur gerade angeschaut und aus welcher gerade hinausgeschaut wird. Das ist auch sprachlich sehr schön umgesetzt.
Für mich mit meinem Hintergrund als Conlangerin und Hobby-Linguistin (direkt Linguistik habe ich ja nicht studiert, nur einzelne Kurse besucht und Bücher durchgearbeitet) war aber auch spannend: Wie die Leute heißen bzw. aus welchen Sprachen sich Namen von Orten, Personen und Gottheiten ableiten, wie unterschiedliche Sprachen im Kontext der Erzählung dargestellt werden, wie Zaubersprüche gestaltet sind. Da hatte ich viel Vergnügen beim Deuten und Knobeln und bin gespannt, ob meine Vermutungen zu einigen Hintergründen der sprachlichen Eigenheiten aus Band 1 zu handfesten Erkenntnissen in Band 2 werden.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Fazit:

Ja, man merkt dem Buch an, dass es ursprünglich ein Rollenspiel war. Aber eins das allen Beteiligten großen Spaß gemacht hat und dieser Spaß kommt auch deutlich im Buch selbst zum Ausdruck. Und da Spaß ansteckend ist, hatte ich den auch beim Lesen.
Wer einen ungewöhnlichen Fantasy-Roman in einem liebevoll ausgearbeiteten Setting lesen will, das mal nicht 0815-Pseudomittelalter heißt und voller ungewöhnlicher Figuren steckt, für den ist dieser Reihenauftakt genau das Richtige.
Bringt euch viel Zeit mit, macht euch notfalls beim Lesen Notizen und findet heraus, wer wirklich hinter den Ereignissen steht.

Disclaimer: Vielen, vielen Dank an J.H. Praßl und den ACABUS-Verlag für das Rezensionsexemplar. Der herzliche Mailwechsel im Vorfeld hat Spaß gemacht und wir lesen uns auf alle Fälle noch öfter über den Weg!

Karl May – Der Schatz im Silbersee

Veröffentlicht am

Titel: Der Schatz im Silbersee
Autor: Karl May
Verlag: dtv
Genre: Abenteuerroman
Seiten: 784
Format: Paperback
ISBN: ISBN 978-3-423-13885-7

Das Buch auf der Verlagshomepage

Zunächst einmal eine kleine Kuriosität am Rande: Angefangen habe ich es am 17. April, ich habe es als Geschenk erhalten und mich sehr darüber gefreut, musste aber erstmal einige andere Bücher lesen, ehe ich damit anfangen konnte. Dann aber kam mir dauernd etwas dazwischen. Erst die Pflichtlektüre „Im Namen der Rose“ für das Fach ‚Mittelalterliche Wirtschaftsethik‘, dann die zwei für meine Bachelorarbeit wichtigen Bücher „Stiller“ und „Das Phantom des Alexander Wolf“, dann wieder ein zeitgebundenes Leserundenbuch… kurz, ich habe die Lektüre vom Silbersee gefühlte 50 mal unterbrochen. Teilweise mitten in der Handlung. Erst Anfang August habe ich es endlich beenden können, also nach einer für meine Verhältnisse unglaublich langen Liegezeit von vier Monaten – wo ich doch sonst 800 Seiten in einer Woche schaffen könnte…

Auf einem Dampfschiff treffen Persönlichkeiten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können – der verbrecherische Cornel Brinkley und seine Bande, ein Ingenieur mit seiner Tochter, Old Shatterhand höchstpersönlich, die tapferen und ehrenhaften Indianer „Großer Bär“ und „Kleiner Bär“ und die Tante Droll, die eigentlich ein Mann ist. Eine höchst gemischte Gesellschaft, doch insgeheim folgen sie alle einer einzigen Spur – und die führt die Helden dieser Geschichte an die Ufer des Silbersees.
Ein klassischer Abenteuerroman jenseits der Klischees von „Cowboys-und-Indianer“-Schwarzweißmalerei und auch heute noch lesenswert.

Cover:

Das Cover meiner Ausgabe ziert ein Ausschnitt aus dem Ölgemälde „Augusta Natural Bridge“ von Henry Culmer aus dem Jahre 1910. Der verwendete Ausschnitt umfasst einen Großteil der linken Seite des Gemäldes. Leider ist die Auflösung auf dem Cover jedoch nicht die Beste, sodass einige Stellen etwas pixelig wirken. Das Originalbild hängt in Salt Lake City im „Utah Arts Council“, bei dem Bild handelt es sich um Public Domain, das heißt, jeder darf es frei verwenden, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen.
Der Buchtitel ist zusätzlich mit einer Folie unterlegt und eingeprägt.
Die Grundfarbe für Cover, Klappentext und allgemeine Beschreibung ist ein schönes, dunkles Blau.
Aufgrund der Pixeligkeit des Covers und weil das Buch nach einmaligem Lesen beriets ein wenig zerfleddert aussieht, gibt es von mir Feuerflockenabzug.

Feuerflocke vier Sterne Klein

Inhalt:

Nicht Körpergewandheit und Treffsicherheit – wobei auch die nicht unwichtig sind – sondern vor allem List und Klugheit entscheiden in diesem Abenteuerroman immer wieder darüber, ob und wie die Helden aus schwierigen Situationen entkommen können. Schon zu Beginn wird es spannend, denn der Bösewicht intrigiert von Anfang an gegen die künftigen Helden des Buches, um seiner gerechten Strafe zu entkommen.
Zahlreiche Helden geben sich im Laufe des Abenteuers die Klinke in die Hand, nicht nur Winnetou, Old Firehand und Old Shatterhand – auch skurille Männer wie „Tante Droll“, der eigentlich deutscher Einwanderer ist und in dem weitaus mehr steckt als man vermuten mag – sorgen für spannende Buchmomente ebenso wie für den einen oder anderen Schmunzler.
Dennoch führt die Handlung recht stringend zu einem Höhepunkt, Nebenhandlungen und Nebenschauplätze tauchen zwar auf, fließen jedoch im Laufe des Romans immer in einen Handlungsstrang zusammen.

Ich habe ja bereits die ungewöhnlich lange Lesedauer angesprochen, aber das Buch ist ungemein neueinsteigfreudig – es ist auf eine Art und Weise geschrieben, dass man jederzeit wieder einsteigen konnte, auch nach drei Wochen. In regelmäßigen Abständen wird die Handlung aus der Sicht anderer Figuren noch mal von hinten aufgerollt, sodass wichtige Ereignisse dem Leser regelmäßig neu in Erinnerung gerufen werden. Auf diese Weise hatte ich bei keinem meiner zahllosen Wiedereinstiege das geringste Problem, mich in die Handlung einzufügen.
Das liegt daran, dass das Buch ursprünglich in Etappen in einer Zeitschrift erschien, sodass dem Leser nach längerer Pause (oder einem verpassten Teil) wieder in die Handlung geholfen werden musste. Solche Ellipsen und Rückblicke nicht langatmig zu gestalten, ist eine Kunst für sich, finde ich.

Außerdem überraschte mich das Buch immer wieder positiv mit den antirassistischen, teilweise sehr modern anmutenden Äußerungen, die Karl May einigen Figuren in den Mund gelegt hat. Er machte auf sehr sensible Weise darauf aufmerksam, dass alle Menschen – egal welcher Hautfarbe und welcher Religion – die gleichen Rechte haben und Respekt verdienen und kritisierte, wie dies zu seiner Zeit gehandhabt wurde. Er machte auf den schwindenden Lebensraum der Indianer und auf den ihnen auferlegten Zwang kritisch aufmerksam, ohne sie dabei zu idealisieren.
Das hätte ich um ehrlich zu sein nicht von einem Buch aus dem späten neunzehnten Jahrhundert erwartet – ich bin es da eher gewöhnt, bei einigen Aussagen ein wenig Bauchweh zu kriegen und mich mit „naja, so dachte man halt damals“ notdürftig zu trösten. Hier war das nicht nötig.
Höchstens die Rolle der Frau war ganz unmodern noch etwas dürftig ausgefüllt, aber damit konnte ich um ehrlich zu sein leben. Die vorkommenden Damen waren keinesfalls hilflose Wesen, die gerettet werden mussten, sondern handelten klug und besonnen. Besonders die Geistesgegenwart der jungen Ellen, die ich bereits weiter oben erwähnt habe, trug zu einer wichtigen Wendung bei.
Ansonsten muss natürlich im Auge behalten werden, dass die damalige Zielgruppe für Abenteuerromane überwiegend Jungs und junge Männer waren.

Es gab einige Passagen, mit denen ich unzufrieden war – ohne dies jedoch konkret benennen zu können. Teilweise schien es mir, als würden sich Handlungselemente wiederholen oder sich immer nach dem gleichen Muster abspielen. Die Handlung selbst empfand ich dagegen durchaus als abwechslungsreich.

Feuerflocke vier Sterne Klein

Sprache:

Obwohl das Buch schon älter ist und meine Ausgabe nichts modernisiert hat, war das Buch größtenteils leicht lesbar und gut verständlich. Der Schreibstil außerhalb der Dialoge war oft sachlich, teils pädagogisch erklärend, jedoch nie ausufernd kompliziert.
Außerdem hat sich der Autor bemüht, die verschiedenen Gruppen innerhalb des Romans sprachlich voneinander abzugrenzen. Er legte einzelnen Figuren oder Angehörigen bestimmer Sprachgruppen immer wieder kleine Wörtchen in den Mund, die sie sprachlich voneinander abhoben.
Schwierig waren für mich höchstens die Stellen, an denen der Autor unbedingt verschriftlichten sächsischen Dialekt einfügen musste, wie er ihn aus seiner Jugend von vor 150 Jahren kannte. Womit mir mal wieder vor Augen geführt wurde, dass lange Dialoge in Dialekt in Büchern beim Lesen ein No-Go sind. Die Stellen, in denen sich mehrere Sachsen unterhalten und das über Seiten hinweg waren einfach nur anstrengend… Zum Glück kam das nicht so oft vor – aber ich glaube das waren die anstrengendsten drei bis vier Seiten im ganzen Buch und sowas muss eigentlich nicht sein.
Dafür überzeugten mich die sehr lebendigen Landschaftsbeschreibungen immer wieder aufs Neue, ich würde zu gern eine Verfilmung sehen und vergleichen, ob sie mit meiner Fantasie mithalten kann – im Kopf hatte ich beim Lesen die tollsten Landschaften und das kann nicht jeder.

Feuerflocke vier Sterne Klein

Fazit:

Ein schöner, klassischer Abenteuerroman der alten Schule. Obwohl ich sehr skeptisch gegenüber Karl May war – als Kind und Teenager bevorzugte ich immer Jack London, James Fennymore Cooper und Jules Verne wenn mir nach Abenteuerbüchern war – konnte mich „Der Schatz am Silbersee“ weitestgehend überzeugen.
Dass meine Ausgabe zusätzlich mit sämtlichen Illustrationen der Erstausgabe und einem informativen Nachwort daherkam, wertete das Gesamtpaket zumindest für mich zusätzlich auf – ich gehöre tatsächlich zu den Leuten, die wissenschaftliche Kommentare, Nachwörter etc. ganz gerne lesen.
Eine Flocke Abzug gibt es wegen der in den Einzelkategorien bemängelten Kleinigkeiten, ansonsten empfehle ich das Buch allen, die klassische Abenteuerromane lieben und Nachschub mögen: Karl May hat ungefähr 70 Bücher geschrieben ;-).

Feuerflocke vier Sterne Klein