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Schlagwort-Archive: Jugendthriller

Antje Wagner – Unland

Veröffentlicht am

Titel: Unland
Autorin: Antje Wagner
Verlag: Gulliver (gehört zu Beltz & Gelberg)
Genre: Jugendthriller
Altersempfehlung: ab 13 Jahren (Empfehlung des Verlags)
Seiten: 381
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3407745118
Das Buch auf der Verlagshomepage

Ich glaube, das ist – gleich nach „Die Verteidigung der Missionarsstellung“ von Wolf Haas, das ich für schlicht nicht rezensierbar halte und darum immer noch nicht für den Blog rezensiert habe – das am Schwersten rezensierbare Buch, das ich je in den Händen gehabt habe.
Was nicht bedeutet, dass es schlech ist. Ganz im Gegenteil. Es ist eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Mich hat schon sehr lange kein Buch so derartig mitgenommen, so stark emotional involviert. Ich habe gelacht, beinahe geweint und mich auf das Heftigste gegruselt.
Es ist einfach nur sehr schwer für mich zu beschreiben. Aber zum Glück habe ich hier so ein wunderbares Raster für Rezensionen, das macht es für mich leichter, ein unglaublich gutes Buch anständig zu besprechen.

Cover:

Das Cover überrascht. Eigentlich ist es ein ganz normales Foto von einem ganz normalen Wald. Eigentlich.
Hätte man es nicht auf die Seite gekippt. Was zur Folge hatte, dass ich erst irgendwo in der Buchmitte es überhaupt gemerkt habe und auch das nur, weil ich das Buch in der Ablage unter einem Glastisch verstaut habe und mir ein Lichtlein aufging, als ich es von schräg oben zufällig ansah, ohne es zu fokusieren.
Und jetzt, da ich es mir nach der Lektüre noch mal ganz intensiv anschaue… Das sind alles die gleichen, skelettartig tot wirkenden Bäume und ein bisschen trockenes Moos unten drunter. Auf die Seite gekippt.
Ohne zu spoilern, passt das unheimlich gut zum Inhalt.
Und da ich beim Cover auch die Stabilität und Verarbeitung mitbewerte: Auch die passt. Gerade weil ich erfahren habe, dass man das Buch auch als Schullektüre im Deutschunterricht liest. So ein Buch muss einen Tag in einem Ranzen überleben können und dieses hier kann das eindeutig.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Inhalt:

Der Inhalt ist schnell erzählt. Franka muss aus Berlin ins verschnarchte Waldburgen ziehen – dort erhält sie die Chance, in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft zu leben.  Doch als Heimkind in ein Dorf hineinzufinden, wo jeder jeden kennt, ist schwierig – besonders wenn man nicht der Norm entspricht.
Doch neben dem ganz alltäglichen Wahnsinn von Kleinkariertheit, Mobbing und Kindheitstraumata hat Waldburgen ein finsteres Geheimnis.
Wieso sollte die Gemeinde diese komischen schwarzen Ruinen namens Unland umzäunen?
Die Welt ist hier sehr dicht – man bekommt als Leser langsam kleine und kleinste Hinweisfitzelchen gefüttert, aber die Auflösung war doch noch mal ein ganzes Stück heftiger, als ich gedacht hätte.
Hier gibt es zwei mögliche Lesarten, die ich gleichberechtigt nebeneinander stellen würde – die Fantasylesart und die über Gefühlslandschaften im romantischen (als Literaturepoche!) Sinne des Wortes.
Beide Lesarten sind verstörend, beide regen zum Nachdenken an.
Auch die Figuren haben einen Absatz hier verdient. Denn die fand ich auf eine faszinierende Art und Weise sehr echt – man lernt sie über Äußerlichkeiten kennen und bildet sich als Leser fast automatisch Vorurteile – die dann systematisch dekonstruiert werden. Das ist ein Buch zum Mitdenken und Reflektieren, auch auf der Figurenebene.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Sprache:

Da hat sich die Autorin etwas einfallen lassen.
Sprachlich brilliant und wunderbar ausgewogen, mit aktuellen Songtexten, die immer genau von den Dingen handeln, die die Kinder unausgesprochen lassen müssen oder nicht auszusprechen wagen und die ich immer als sehr passend empfand. Wobei ich generell zu denen gehöre, die Songtexte in Büchern mögen.
Dazu spielt sie mit Schriftart und Schriftgröße. Wo es nötig ist, wird da schon mal auf Frakturschrift, immer größere Buchstaben oder krakelige Handschrift zurückgegriffen und das gibt dem Buch eine Authenzität und eine Echtheit, die angesichts des Plots ein unendlich weites Feld an Interpretationen und weiteren Gedanken auftut.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Fazit:

Wie gesagt, die Rezension fällt mir sehr schwer – weil „Unland“ auf eine Art und Weise die Emotionen anspricht, die es schwer macht, nachträglich darüber zu reflexieren. Einfach weil die Worte fehlen.
Hier werden so viele Themen angesprochen. Ausgrenzung, Normalität, Gewalt, Jugendkriminalität, Identität, Sexualität, Selbstfindung… das ganze Spektrum dessen, was Jugendliche, aber auch viele Erwachsene auf jeden Fall herumtreibt und das auf eine Weise, die ich als sehr intensiv empfand.
Bei diesem Buch empfehle ich aber, gerade wenn die Leser sehr jung sind, es mit den Eltern oder mit anderen Jugendlichen zu lesen und sich auszutauschen. Es lohnt sich.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

Disclaimer: Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde im Katze-mit-Buch-Forum gelesen und das Buch dafür vom Verlag gestellt bekommen. Vielen Dank für das Buch und für eine spannende, lehrreiche Leserunde mit Antje Wagner, die sich unseren Fragen stellte. So viele Einblicke in die Entstehung des Buches, die Hintergründe der Handlung, ins Schreibhandwerk… Toll! Und danke an alle Mitleserinnen für ihren Input – der mich oft sehr nachdenklich gemacht hat und Perspektiven aufzeigte, die ich von selbst gar nicht wahrgenommen hätte.

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Alexandra Kui – Stille Feindin

Veröffentlicht am

Titel: Stille Feindin
Autorin: Alexandra Kui
Verlag: cbt
Genre: Thriller
Altersempfehlung: ab 14
Seiten: 320
Format: Paperback, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-570-16275-0

Das Buch auf der Verlagshomepage

Als Tami und Farina sich begegnen, ist es Freundschaft auf den ersten Blick. Doch hinter der schönen Fassade verbirgt Farina eine düstere Vergangenheit und Tami eine komplizierte Familiengeschichte. Als Farinas Vergangenheit sie einzuholen droht, scheint eine Katastrophe unvermeidlich.
In diesem Buch werden die Dinge beim Namen genannt – Jugendkriminalität, falsche Freundschaften, Rachsucht, Einsamkeit und die erste große Liebe mal nicht aus der verklärt nostalgischen Erwachsenensicht, sondern mit aller Bedrohlichkeit, die ein Teenager erleben kann.
Das Wort „Jugend“ in der Genrebezeichnung „Jugendthriller“ steht hierbei vor allem dafür, dass es sich um jugendliche Protagonisten mit jugendlichen Problemen handelt. Doch diese sind keineswegs weniger heikel, gefährlich oder tödlich als die Probleme der „Erwachsenen“.

Cover:

Normalerweise ist pink nicht wirklich meine Farbe, aber das rosa Plastikmädchen mit dem Häschen inmitten der Blumenranken fand ich gut gewählt. Wer das Buch liest, stellt bald eine Verbindung zwischen dem Cover und den Protagonistinnen her und kann das Cover als Teil der Geschichte deuten. Farina hasst Rosa – doch sie muss das Mädchen mit dem Hasen sein. Tami mag Schlichtheit – und das Cover ist zwar dekorativ aufbereitet, bleibt dabei jedoch schlicht und wirkt nicht überladen. Für ein Taschenbuch war das Cover auch sehr hochwertig, die Blumenranken und das Mädchen sind mit Folie beschichtet, sodass das Büchlein griffiger wird und gut anzufassen ist.
So wirkt das Buch nach dem ersten Lesen nicht, als wäre es schon fünfzig mal durchgeblättert worden und ist eine Weile haltbar. Für mich ist das sehr wichtig, da ich Bücher gerne ein weiteres Mal lese oder auch mal innerhalb der Familie verleihe.
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Inhalt:

Für mich ein sehr glaubwürdiges Buch. Die Protagonistinnen sind beide nicht perfekt, haben ihre Ecken und Kanten, ihre guten und schlechten Seiten. Auch die Umgebung wirkt lebensecht, Menschen statt Schablonen. Das wirkte sich maßgebend auf den Inhalt aus – sowohl Farinas Zerrissenheit und ihre daraus folgenden sprunghaften Handlungen als auch Tamis Naivität und Gutgläubigkeit stimmten innerhalb ihres Umfelds.
Dabei geschieht der Spannungsaufbau langsam, kaum merklich. Der Fokus liegt überwiegend auf den inneren Problemen und seelischen Nöten der Protagonistinnen. Doch die im Hintergrund aufgebaute Spannung macht sich im letzten Viertel des Buches bemerkbar und liefert einen Showdown, der es in sich hat.
Auch wenn immer wieder aus mehreren Perspektiven berichtet wird und die Handlungsstränge sich permanent kreuzen, empfand ich das Buch als gut lesbar und hatte keine Probleme, der Handlung zu folgen.
Besonders muss ich hervorheben, wie die Autorin mit Gefühlsräumen umgeht – die Landschaft als Abbild der Seele findet sich nur in wenigen modernen Romanen – in Jugendbüchern fast noch seltener als sonst. Ein gewagter Schritt, der bei mir gut angekommen ist.
Außerdem schafft sie es, das Thema „Kinder aus schwierigen Verhältnissen und Pflegefamilien“ auf eine nicht-kitschige Art anzugehen, die ich sehr erfrischend fand. Kein „wenn das Kind nur genug Liebe bekommt, wird alles gut“-Geseufze, sondern eine sehr einfühlsame Behandlung des Themas.
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Sprache:

Hier muss ich erstmal Abzüge für Satzfehler geben, die mich immer wieder aus dem Lesefluss gehauen haben. In meiner Ausgabe waren an manchen Stellen Tami und Farina vertauscht und es fehlten immer wieder Präpositionen. Natürlich kann die Autorin nichts dafür, aber ein Buch ist für mich ein Gesamtprodukt von Autor und Verlag – wenn also von Verlagsseite Fehler gemacht wurden, muss ich das bei der Gesamtwertung berücksichtigen.
Darum kann ich leider hier keine fünf Flocken geben. Abgesehen davon jedoch besticht die Sprache für mich durch eine Mischung aus Schonungslosigkeit (es fallen einige für ein Jugendbuch sehr derbe Ausdrücke) und Poesie (mein Favorit ist hierbei die zartkalte Berührung). Die Sprache nahm mich schnell gefangen und erleichterte mir den Einstieg in das Buch auf jeden Fall maßgeblich.
Allein wegen der „Schreibe“ würde ich auf jeden Fall weitere Bücher der Autorin lesen.
Feuerflocke vier Sterne Klein

Fazit:

Für mich ein toller Roman mit authentischen Figuren, einer deutlich spürbaren Charakterentwicklung und einer sehr schönen Sprache. Dabei kommt der Thrill keineswegs zu kurz – psychologisch hintergründig und hochspannend, zeigt Alexandra Kui, dass man nicht zwingend literweise Blut verspritzen muss, um ein Gänsehautbuch zu schreiben.

Disclaimer: Ich erhielt das Buch im Rahmen der autorenbegleiteten Leserunde im „Katze mt Buch„-Forum, noch ehe dieser Blog existierte. Bei diesem Blogpost handelt es sich nicht um beauftragte Werbung, ich habe einfach ein gutes Händchen für Leserundenbücher und habe noch nie eins erwischt, das mir nicht gefallen hätte. Hätte ich es kaufen müssen, hätte ich es genauso bewertet.

Feuerflocke fünf Sterne Klein