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Stephen Fry – Geschichte machen

Veröffentlicht am

Titel: Geschichte machen
Autor: Stephen Fry
Verlag: Büchergilde Gutenberg (meine Ausgabe)
Genre: Science Fiction
Seiten: 460
Format: Hardcover
ISBN: 9783763247653
Das Buch ist bei Büchergilde Gutenberg nicht mehr erhältlich, meine Ausgabe stammt allerdings auch von 1996. Inzwischen erscheint das Buch beim Aufbau Verlag.

 
Die Hauptthese dieses Buches lautet im Prinzip: Wäre es nicht Hitler gewesen, hätte jemand anders es getan. Geschichte ist nicht nur an Persönlichkeiten gebunden und irgendwann wäre jemand gekommen, der die politischen Wirren in Deutschland ausgenutzt hätte.
Mir gefiel der sehr schwarze Humor, die teilweise sehr kreative Metaphorik, permanente Selbstreflexion des Protagonisten und die zahlreichen Episoden, die in Drehbuchform geschrieben wurden.
Ein sehr unterhaltsames Buch mit einer ernsten Botschaft.

Cover:

Es ist unglaublich hässlich. Und das meine ich völlig ernst. Ich habe keine Ahnung, ob ich das Buch in die Hand genommen hätte, wenn es nicht bei einem Bücherflohmarkt in der 25-Cent-Grabbelkiste gelegen hätte und ich das Gefühl hatte „Hm, Stephen Fry, der Name sagt mir irgendwas, aber ich komme nicht darauf was, mal Buch in die Hand nehmen und anschauen“.
Leider finde ich nirgends das Cover online zum Verlinken und da ich keine Rechte verletzten will, verzichte ich hier auch auf ein Foto des Covers.
Der Schutzumschlag ist … nazibraun, abgebildet ist ein kotbrauner Kinderwagen, in dessen Innerem sich eine sepiafarbene Weltkugel befindet. Wie gesagt, unfassbar hässlich und da ich das Buch gebraucht erworben habe, von den Händen von Vorbesitzern auch schon entsprechend ausgefranst. Bei der Farbwahl bezweifle ich allerdings, ob der Schutzumschlag neu wesentlich schöner ausgesehen hat. Ich vermute mal nicht.
Abgesehen davon ist das Ding aber schön robust und auch nach beinahe einem Jahrzehnt auf dem Buckel ist das Buch OHNE den unglaublich hässlichen Schutzumschlag sehr gut in Schuss. Bei diesem Cover muss ich mir aber zu Recht die Frage stellen, was sich die Verleger anno 1996 dabei gedacht haben…
Zwei FeuerFlocken hierfür, da das Buch immerhin stabil dem Zahn der Zeit trotzt.

Feuerflocke zwei Sterne Klein

Inhalt:

Der Ich-Erzähler Michael Young ist Doktorand in Geschichte und hat eine – mehr oder weniger – wissenschaftliche Arbeit über die Kindheit und Jugend von Hitler und wie sie sich auf sein späteres Verhalten auswirkt, geschrieben.
Diese Arbeit ist ein Teil des Romans – wenn nicht gerade der Ich-Erzähler Michael erzählt, dann erfahren wir per Draufblick, was Hitlers Vater Alois oder Hitlers Mutter tut. Später schauen wir auch Hitler selbst über die Schulter.
Ein Zufall führt ihn zu Professor Zuckermann, sie kommen auf seine Doktorarbeit zu sprechen und… auf Zuckermanns geheimen Traum. Er möchte dafür sorgen, dass Hitler niemals existiert hat – und er hat die Mittel dazu.
Keine klassische Zeitmaschine, muss ich anmerken. Statt dessen eher ein höchst komplexes Gerät, mit dessen Hilfe man mit viel Mühe, Not und unter großer Kräfteaufwendung eine Substanz in die Vergangenheit schicken kann. Die Vergangenheit selbst sieht man als Ansammlung von Bildschirmgewusel, nichtssagend für den Laien.
Leider läuft erstens immer alles anders und zweitens als man denkt.
Als Michael Young in der alternativen Welt auftaucht, stellt er nicht nur fest, dass er als Einziger noch seine Erinnerung an die Vergangenheit – wie sie für ihn stattgefunden hat – hat und… dass in Hitlers nichtexistenzbedingter Abwesenheit Dinge geschehen sind, die die tatsächlichen Ereignisse in den Schatten stellen…
Es gibt nur eine Lösung für dieses Problem.

Es gab hier einige Fallstricke – nicht zuletzt das mit dem Zeitparadox, der Geschichtsschreibung (ich habe, weil das bei alternativer Historie immer eine gute Idee ist, die reale Historie soweit möglich nachgeschaut und verglichen) und das Ganze auch noch spannend und abwechslungsreich zu gestalten.
Der Autor hatte mich hier jederzeit am Haken und ich habe trotz gründlicher Suche keine Fehler in der Zeitreisenargumentation gefunden.
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Sprache:
Die teilweise herrlich experimentell geschriebenen Kapitel aus der Sicht von Michael im Kontrast zu den Kapiteln aus der Sicht der Menschen aus der Vergangenheit sorgen nicht nur dafür, dass man die einzelnen Teile gut unterscheiden konnte und somit nie den Überblick über das große Ganze verlor. Sie erlaubten es Stephen Fry auch, sein ganzes Repertoire an Erzähltechniken abzufeuern: Skurill, umgangssprachlich, jugendlich kreativ? Check. Maschinengewehrstil? Check. Großer Blick für die klassische Erzählung aus der Er/Sie-Perspektive? Kann er auch. Und Tagebücher. Und Dialoge. Und Briefe.
Manchmal wirkte mir Youngs Ausdrucksweise einen Tick gewollt, aber… das kann durchaus auch am Übersetzer liegen, der zwar vermutlich sehr gute Arbeit geleistet, den Slang eines Londoner Doktoranten aus den 90ern aber nun mal nicht zu 100% ins Deutsche retten kann, weil das gar nicht geht.
Ich runde darum mal von 4,5 FeuerFlocken auf 5 auf.
Feuerflocke fünf Sterne Klein

Fazit:

Ein Buch, das sich unfassbar lustig liest, gleichzeitig aber sehr schwere und wichtige Themen anschneidet – einer dieser Fälle also, in denen Science-Fiction auf intelligente und unterhaltsame Weise nicht nur eine gewisse Portion Humor und Eskapismus bereithält, sondern auch wichtige Weisheiten vermittelt.
Die Person von Hitler wird hierbei in meinen Augen nicht heruntergespielt. Der Mann war und bleibt auch in diesem Roman ein Scheusal. Was der Roman aber klar zeigt: Er war bei Weitem nicht das einzige Scheusal, das auf Erden wandelte und obwohl er Schreckliches getan hat, hätte dieses Schreckliche (vielleicht in Details anders) genauso gut auch irgendein anderer machthungriger Spinner tun können, wenn es keinen Hitler gegeben hätte.
Irgendwann hätte die Weimarer Republik ihren Diktator gehabt und wäre untergegangen. Irgendwann wäre die Welt, wie man sie bis dahin kannte, zusammengebrochen. So oder so.
Und das ist in gewissem Sinne… unfassbar fatalistisch und traurig, einer Epoche zu attestieren, dass sie in jedem Fall erbarmungslos auf eine Katastrophe zugeschlittert ist, die nicht mehr aufgehalten werden konnte.
Das ist auf jeden Fall ein Roman, über den ich immer noch nachdenke und an den ich vor allem als Erstes denke, wenn ich mich in „wenn X nicht wäre“-Gedanken vertiefe.

Feuerflocke fünf Sterne Klein

(Ihr habt doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dem tollen, gesellschaftskritischen und sehr lesenswerten Roman für die Coverkatastrophe einer vergriffenen Auflage Punkte abziehen würde? 😉 )

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.

»

  1. Oh, das Buch klingt ja sehr interessant! Das Buch werde ich mir merken. Die Geschichtsstudentin in mir ist wirklich neugierig. ;D Wobei ich es schon schade finde, der Weimarer Republik so ein alternativloses, grausiges Ende zu attestieren. Man muss ihr immerhin zu Gute halten, dass sie so lange durchgehalten hat – trotz aller Wirren, Nationalitätsprobleme, Wirtschaftskrisen und so weiter. Irgendwo hatte sie also auch Stärken… 🙂

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    • Natürlich – die Weimarer Republik war in vielerlei Hinblick bemerkenswert. Der erste Versuch einer modernen Demokratie in Deutschland nach der Revolution 1848 und dieses Mal vor allem ein Versuch, der es doch eine Weile ausgehalten hat. Du hast außerdem Recht – nur ein Tel der Probleme führte von Problemen mit der Republik selbst (die Regel, dass absolut jede Partei mit mindestens einem Sitz ins Parlament einziehen konnte, was schlicht zu unregierbaren Kabinetten führte etc.).
      Vieles rührte auch von unglücklichen außenpolitischen Lösungen her, die früher oder später wieder zur Radikalisierung führen mussten und den Spinnern, die diese Tendenzen erfolgreich ausgenutzt haben.
      Das Buch gibt es auf jeden Fall (mit schönerem Cover 😀 ) beim Aufbau-Verlag :).

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      Antwort
      • Letztlich konnte man aus dem Unglück viel lernen; ich fürchte auch, solche Lernprozesse sind unvermeidlich. Das Buch habe ich mir auf meine Wunschliste gesetzt (Cover ist wirklich schöner… man, deiner Beschreibung nach ist das alte aber auch wirklich grottigst :D), und ich habe bald Geburtstag, hrhr. 😀

        An der Weimarer Republik (und den Folgen) finde ich übrigens sehr schön ersichtlich, wie trügerisch radikale Positionen sind. Es ist sehr schade, dass sich heutzutage kaum noch jemand daran zu erinnern scheint.

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      • Ja, das sind Lernprozesse wohl. Die Menschheit lernt ja schon so schnell wie möglich, aber manche Fehler sind unvermeidlich :(.
        Sag ich ja – ne, ich lese ja sehr viel, aber so ein selten furchtbares Cover wie bei meiner Ausgabe habe ich selten gesehen :D. Da fand ich die neue eigentlich ziemlich cool mit dem gekochten Ei ^^.
        Da hast du Recht – gerade wenn ich mir heute Pediga und den ganzen Unsinn anschaue, frage ich mich, wie man die Lektion der Weimarer Republik so schnell vergessen kann. Oder die des zweiten Weltkriegs. Radikale Positionen zerstören sich selbst – aber das ist den Wenigsten klar.

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      • Radikale Positionen sind leider auch so verlockend – sie versprechen ja quasi Sofort-Lösungen. Und ich fürchte, es hat sich in Deutschland wirklich eingebürgert, sich absolut und von allen benachteiligt zu fühlen (obwohl man das überhaupt nicht ist). Stelle das in meinem Bekanntenkreis auch erschreckend oft fest; wir gehören zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten, aber trotzdem wird ständig und über alles gejammert. (Alles teurer, Steuern ja so hoch, der ätzende Nachbar, blablabla). Uns ist ein ganzes Stückchen Dankbarkeit und Wertschätzung abhanden gekommen, und ich frage mich, obs an unserem Konsumverhalten liegt.

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      • Das ist der wichtige Punkt – sie versprechen diese Lösungen. Aber natürlich können sie diese Lösungen nicht auch tatsächlich liefern…
        Hach ja, die deutsche Jammermentalität. Das ist übrigens interessanterweise bereits (von mir aus gesehen) 400km südlich in Österreich bereits völlig anders. Ich merke jedenfalls nichts davon und es ist herrlich erfrischend, weniger Gemecker ausgesetzt zu sein.
        Nur das Konsumverhalten kann es aber nicht sein, weil wie gesagt die Meckermentalität fast an der Landesgrenze aufhört (was ich kurios finde).

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      • Irgendwas machen wir hier in Deutschland wirklich gründlichst falsch. Aber evtl. ist es hier auch ein bisschen die Medienlandschaft (Hallo, BILD!) – und letztlich ist die Situation für viele ja wirklich nicht besser geworden. Der Punkt ist nur, dass sie immer noch weit entfernt von schlecht ist. Und das möchten viele hier nicht sehen. Vielleicht waren die Versprechungen an frühere Generationen ein Einfluss? „Wohlstand für alle“, „Die Rente ist sicher!“ und Co. erwecken einfach den Eindruck, sich in immer bessere Zeiten zu bewegen, und jetzt, wo’s mal nicht in die richtige Richtung geht, kommt der Frust (+ Jammerei) heraus…

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      • Ich glaube, Vielen geht es so gut wie nie zuvor (wenn auch nicht allen). Aber je mehr man hat, desto mehr will man natürlich. Das ist irgendwie oft so :(.
        Vor allem aber kann eine Wirtschaft nicht immer nur wachsen. Das ist gar nicht möglich. Jetzt hatten wir eine Finanzkrise, aber so langsam steigt alles wieder nach oben. Einigen halt zu langsam…

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