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Bernhard Aichner – Totenfrau

Veröffentlicht am

Titel: Totenfrau
Autorin: Bernhard Aichner
Verlag: btb
Genre: Thriller
Seiten: 444
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-442-75442-7

Kurz zum Inhalt:

Blums Mann. Wie er da liegt. Regungslos auf dem harten Asphalt. Sein Motorrad neben ihn, mit dem er aus der Ausfahrt fuhr. Wie ihm keiner mehr helfen kann. Nicht seine Frau. Nicht der Sanitäter. Nicht die Polizei.
Wie er einfach nur da liegt. Wie der Wagen langsam am Horizont verschwindet. Blum blickt ihm nach. Eine Bestatterin, die ihren Mann bestatten muss.
Fahrerflucht. Tränen auf ihren Wangen. Der Gedanke an Rache in ihrem Kopf.

Meinung

Aichner-Fans werden es schon erkannt haben: Obiges ist weder ein Klappentext, noch eine Inhaltsangabe, sondern ein sehr schlechter Versuch, Aichners Schreibstil nachzuahmen. Eine gar nicht so einfache Sache, die durchaus einiger Übung bedarf.
Denn Aichners Stil ist sagenhaft einmalig. Er verwendet selten volle Sätze, lässt „Wie“-Sätze einfach im Raum stehen, ohne sich darum zu scheren, dass da von rechts und linkswegen auch der Rest des Satzgefüges noch dazu müsste. Er macht Aufzählungen, betreibt manchmal ein reinstes Stakkato-Feuerwerk und lässt seine Geschichte dadurch enorm an Fahrt gewinnen.
Aber er nimmt sich auch Zeit für liebevolle Beschreibungen, für langsames Dahinplätschern, für glückliche und traurige Rückblenden, für Gefühle und mechanische Abläufe – nur um im nächsten Moment, wenn es nötig ist, wieder voll aufzudrehen und die Handlung Schlag auf Schlag voranzutreiben.
Stilistisch gesehen wirklich ausgefeilt, dagegen kann man nichts sagen.
Und ein Stil, der dem Inhalt nur angemessen ist.

Totenfrau ist ein Thriller ohne Gleichen. Blum ist Bestatterin in Innsbruck, der großen Stadt im heiligen Land Tirol. Ihr Mann ist Polizist, er war an einer heißen Sache dran und wie es bei Polizisten mit heißer Spur üblich ist, hat er niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen erzählt – bis er in einem Unfall mit Fahrerflucht stirbt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eine Dumpfbacke, wer es nicht tut – und Blums Freund und Helfer, der Rest von der Polizei, ist nicht gerade zu den Schelmen zu zählen…
Blum beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, stößt bald auf Unaussprechliches – und beginnt mit einem Rachefeldzug quer durch Österreich.

Max Broll mit Brüsten?

Im Großen und Ganzen ist Totenfrau ein sehr solider Thriller, der spannend beginnt, spannend geschrieben ist, nichts an Brutalität fehlen lässt und sich auch für die intimen, gefühlvollen Momente die richtige Zeit nimmt. Ein Meisterwerk von einem Thriller, gäbe es da nicht diese winzige Kleinigkeit.
Es stellt sich beim Lesen schon sehr früh ein Déjà-vu ein, wenn man auch Aichners Max-Broll-Krimis kennt. Max Broll ist Totengräber, seine Tante Tilda Polizistin. Auch das Umfeld von Max leidet an der unglücklichen Eigenschaft, in dunkle Machenschaften verstrickt zu werden und auch Max nimmt die Sache gern in seine eigenen Hände. Auch die Broll-Krimis sind in Aichners unverwechselbarem Stil geschrieben. Auch die Broll-Krimis sind unglaublich spannend.
Und gerade an diese wird man schon zu Beginn von Totenfrau blöderweise stark erinnert und ich persönlich konnte mich lange des Eindrucks nicht erwehren, dass ich es mit einem Max-Broll-Aufguss zu tun habe, der die Hauptperson mal schnell zu einem Mädel macht und sonst alles gleich lässt, weil sich das ja eh so gut verkauft. Natürlich sind Bestatter und Totengräber zwei Paar Schuhe, aber so groß wie z.B. bei Arzt und Telefonistin ist der Unterschied auch wieder nicht.
Irgendwann hat mich dann beim Lesen der Sog der Spannung vollständig eingefangen und es war mir egal. Aber bis es soweit war, war es doch etwas zäh.

Ich würde Totenfrau allen Thriller-Fans ausdrücklich empfehlen und den Thriller auch Aichner-Fans ans Herz legen, kriegt man schließlich genau das, was man erwartet: Das Geschäft rund um den Tod, den Rachefeldzug, den Schreibstil. Und ein Gefühl des Heimkommens – ob positiv oder negativ, mag von Leser zu Leser variieren.

Dennoch eine Feuerflocke Abzug.

Feuerflocke vier Sterne Klein

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.

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  1. Ich habe von Aichner bisher nur „Für immer tot“ gelesen und fand da gerade den Stil super – die Frage ist natürlich, ob das auch bei einer zweiten Buchreihe funktioniert. Vermutlich, wie du richtig beschrieben hast, hat man nicht so sehr den Überraschungseffekt, wie beim ersten Aichner-Krimi.
    Andererseits… Auch bei meinem ersten Wolf-Haas-Krimi war ich überrascht und musste mich mühevoll daran gewöhnen – und trotzdem fand ich die Folgenden auch gut ^^.
    Von daher kann es durchaus sein, dass ich den mal lese 🙂

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    • Naja, aber Wolf Haas beschränkt diesen Stil rein auf die Brenner-Reihe. Wenn du andere Bücher von ihm liest (Ausgebremst, Verteidigung der Missionarsstellung, Wetter vor 15 Jahren), dann sind auch diese alle sehr speziell vom Schreibstil her, aber eben nicht mal Ansatzweise mit den Brenner-Krimis vergleichbar.
      Aichner hingegen verwendet den Stil, den er für die Broll-Reihe verwendet hat, nun nochmal – und das zusätzlich zu den ganzen Figurenparalellen zwischen Blum und Max, da fällt das doch fast schon unangenehm ähnlich auf. Ging zumindest mir so.

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      • Da hast du Recht, wobei ich von den anderen Wolf-Haas-Romanen bisher nur die „Verteidigung der Missionarsstellung“ gelesen habe. Aber ja, der Stil ist anders *g*.

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      • Ich kenn sonst auch nur die Missionarsstellung und das Wetter vor 15 Jahren – „Ausgebremst“ hab ich mal begonnen, aber es ist ein Krimi für Formel-1-Fans und wenn man da nicht sattelfest ist, checkt man kaum eine Anspielung und dann ist das Lesevergnügen eher gering…

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  2. Ui, also wenn das auch nur halbwegs Aichners Stil entspricht, dann lasse ich die Finger davon, denn solche Stakkato-Halbsätze gehen mir in kürzester Zeit gehörig auf die Nerven! Ich finde das als Stilmittel zwar raffiniert und in einer Kurzgeschichte kann ich mich auch damit anfreunden, aber bei längeren Texten gewinnt der persönliche Geschmack immer über die Würdigung von Originalität…

    LG, Julia

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    • Der Stil ist in der Tat nicht für jeden was – ich hab damals bei meinem ersten Max-Broll-Krimi sogar ein Weilchen gebraucht, bis ich da überhaupt reingekommen bin. Aber dann hats mir eig. ganz gut gefallen, vielleicht auch aufgrund der Originalität.
      Aber dutzende Bücher in dem Stil müsst ich jetzt auch nicht haben…

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  3. Pingback: »Totenfrau« von Bernhard Aichner | bloggervernetzt

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